Während Corona hatte ich einen richtig schlimmen Rückfall bzgl. meiner Angststörung. Der war so schlimm, dass ich jeden Morgen mit Herzrasen und Angst aufgewacht bin. Und das über mehrere Monate hinweg.
Mein Herz pochte beim Aufwachen und ich wusste nicht, warum. Um mich zu beruhigen, öffnete ich automatisch mein Handy. Fünf Minuten später steckte ich mitten im Doomscrolling, schon „zu spät“ für einen Tag, der noch gar nicht begonnen hatte.
Kommt dir das bekannt vor? Dann kann ich dir an dieser Stelle vielleicht ein klein wenig Hoffnung machen: es wird besser und irgendwann kann es sein, dass du wieder ganz normal aufwachst und dich auf den Tag freuen kannst und zwar oihne Doomscrolling. Denn das passiert nur, weil dein Nervensystem etwas zu eifrig seinen Job macht. Doch du kannst ihm beibringen, sanfter zu werden.
Ein wichtiger Hinweis: dieser Beitrag ist kein Therapieersatz. Er ist eher meine persönliche Erfahrung und daraus abgeleitete Erkenntnise, wie mir neue und beressere Morgenrituale gegen Angst geholfen haben.
Es sind kleine Rituale, die nur zwei Minuten brauchen, die zu Gewohnheiten geworden sind, die zuerst meinen Körper beruhigen und dann meinen Kopf einladen, mitzumachen.
Warum der Morgen so schwer war (und warum ich aufgehört habe, dagegen anzukämpfen)
Angst liebt eine leere Bühne und der Morgen bietet genau das. Du wachst frisch auf und hast quasi noch nichts getan. Und dann spürst du dein Herzrasen und das unschöne Gefühl in der Magengegend. Damals habe ich dagegen angekämpft und mir gesagt „Du darfst keine Angst haben.“ und mich immer gefragt, was denn los sei. Aber das machte es nicht besser. Dann probierte ich einen neuen Satz für den Start in den Tag: Es ist okay, dass mein Körper wachsam ist und ich weiß, dass dieser Zustand wieder vorbei geht.
Gemeint ist damit: Mein Körper versucht nur, mich zu schützen. Ich muss keinen Kampf gegen mich selbst gewinnen, ich muss meinem Nervensystem einfach nur ein anderes Signal senden.
Dieses Umdenken – erst regulieren, dann reagieren – hat alles allmählich verändert. Ich wartete nicht mehr darauf, dass die Ruhe und das Wohlbefinden einfach „kamen“. Mit diesem Satz schaffte ich sie mir mit kleinen Signalen, die sagen: Hier ist es sicher genug, um zu beginnen. Ein freundlicher und beruhigender Satz an mich selbst. Und mit der Zeit wurden die Tage, an denen ich mit Herzrasen und dem Angstgefühl aufwachte, immer weniger. Inzwischen treten sie nur noch ganz selten auf.
In dieser Zeit habe ich mir zudem eine Morgenroutine erarbeitet, die mir den Start in den Tag leichter machte und bis heute, wenn ich wieder das Herzrasen spüre, mit meiner Angst hilft. Ich lade dich dazu ein, meine Erfahrungen auszuprobieren und natürlich gerne an dein Leben anzupassen. Vielleicht hilft es auch dir.
Morgendliche Tipps
Die 3×2-Regel – mein Mini-Anker (6 Minuten insgesamt)
Wenn das Aufwachen unangenehm ist, halte ich mich an die 3×2-Regel: drei Dinge, je zwei Minuten:
- Licht & Luft (2 Min): Vorhänge auf, Fenster auf, Wasser trinken, kurz stehen und den Moment wahrnehmen.
- Atmen (2 Min): Einatmen und bis 4 zählen, Ausatmen und bis 6 zählen.
- Sanfte Bewegung (2 Min): Nackenrollen, Schultern kreisen, langsame Vorbeuge und die Fußgelenke umschließen.
Sechs Minuten Zeit für mich und den Moment. An neun von zehn Tagen reicht das, um das innere Rauschen bei mir leiser zu drehen.
Meine ausgedehnte Morgenroutine gegen Angst (ca. 20 Minuten)
Ich halte mich nicht immer genau an den Plan, sondern nutze sie flexibel. So, wie sie sich an dem Tag am besten anfühlt.
00:00–00:02 – Handyfreie erste zwei Minuten
Der Flugmodus am Handy bleibt an. Ich begrüße mich selbst: „Guten Morgen du starke Frau. Heute wird wieder ein zauberhafter Tag mit tollen Abenteuern, auf die ich mich freue.“
00:02–00:04 – Licht & Luft
Vorhänge auf, Fenster kippen, tief atmen, Wasser trinken.
00:04–00:06 – Atem-Übung
Einatmen und bis 4 zählen / ausatmen und bis 6 zählen – drei Wiederholungen. Wenn die unguten Gedanken nicht verschwinden: 5-4-3-2-1-Technik (fünf Dinge, die ich sehe, 4 Dinge, die ich spüre, 3 Dinge, die ich höre, 2 Dinge, die ich rieche und eine Sache, die ich schmecke).
00:06–00:10 – Sanfte Dehnroutine
Ich dehne meinen Nacken, die Schultern und Hüften, um mich zu entspannen.
00:10–00:15 – Journaling
Ich schreibe drei Zeilen in mein Journal:
- Wie ich mich fühle.
- Was ich brauche.
- Einen kleinen Schritt, den ich heute gehe, um meine Comfort Zone ein wenig zu verlassen.
00:15–00:18 – Mini-Tagesplan festlegen
Eine Priorität und eine Option. Die Angst liebt es, „alles auf einmal“ zu machen. Ich erledige lieber eins nach dem anderen.
00:18–00:20 – Affirmation mit Atem
„Ich bin sicher genug, um es zu versuchen.“ (Einatmen)
„Ich darf aufhören, wenn ich das Gefühl habe, es geht nicht mehr.“ (Ausatmen)
Dann schalte ich erst mein Handy bewusst ein, wenn ich es als Werkzeug benutzen muss und nicht als Zuflucht.
Und das war’s. 🙂
An manchen Tagen gehe ich danach noch zehn Minuten spazieren und zähle alle Türen oder Hunde, die mir begegnen.
Womit ich aufgehört habe (und was ich stattdessen mache)
- Doomscrolling im Bett → Es nützt nichts, seine Lebenszeit und Gedanken mit all dem Unnützen Zeug und schlechten Nachrichten in Social Media zu verschwenden. Das Handy schläft im Nebenraum. 🙂 Und das Bett ist wieder für den Schlaf und nicht Schlagzeilen da.
- Schwarzen Tee auf nüchternen Magen → Meine Devise lautet: Erst Wasser, dann was Essen und dann Tee.
Ich liebe zwar meinen Chai mit Milch immer noch, aber ohne ihn reduziere ich mein Herzrasen enorm. - Alles-oder-nichts-Routinen → Ich habe an Repertoire an kleinen, wiederkehrenden Ritualen, die ich nutzen kann, aber nicht muss. Das kann eine Tasse Tee, das Anzünden einer Duftkerze oder meine Playlist mit Lieblingssongs sein. Es gilt: Rituale statt Regeln.
30 kleine Morgen-Gewohnheiten, die deinen Tag verändern (besonders bei Angst)
- Handyfreier Morgen. Erst dich begrüßen, dann die Welt.
- Licht & Luft. Fenster auf, Sonne rein – dein Körper orientiert sich.
- Wasserritual. Ein volles Glas (gern mit einem Spritzer Zitrone) trinken.
- 4–6-Atmung. Ein 4, aus 6 – Ruhe auf Knopfdruck.
- Physiologischer Seufzer (3×). Zwei schnelle Einatemzüge, ein langer Ausatem. Stress sinkt.
- 5-4-3-2-1-Übung. 5 Dinge sehen, 4 fühlen, 3 hören, 2 riechen, 1 schmecken.
- Sanftes Dehnen. Bewegen, als würdest du Honig rühren.
- Sonnenlicht auf der Haut. 3–5 Minuten echtes Sonnenlicht wirken Wunder.
- Warme Dusche, kühler Abschluss. Frische fürs Nervensystem.
- Gemütliches Frühstück. Eiweiß + Ballaststoffe gegen Nervenkitzel.
- Tee-Zeremonie. Dampf beobachten, Duft einatmen. Genießen.
- Drei-Zeilen-Tagebuch. Wie ich mich fühle. Was ich brauche. Ein Schritt für den heutigen Tag.
- Wenn-Dann-Plan. „Wenn Angst kommt, dann atme ich 4–6 und gehe kurz raus.“
- Selbstfreundlichkeit laut sagen. „Langsam ist okay. Pausen sind erlaubt.“
- Zwei-Song-Playlist. Musik bestimmt das Tempo, nicht Gedanken.
- Bequeme Kleidung. Ein entspannter Körper beruhigt den Geist.
- Bett machen. Kleine Ordnung, große Wirkung.
- Eine Priorität. Fokus schenkt Frieden.
- Single-Tasking. 20 Minuten nur eine Sache.
- Späterer Kaffee + News. Erst Energie tanken, dann Welt aufnehmen.
- Affirmationen mit Atem. Sicherheit beim Einatmen, Erlaubnis beim Ausatmen.
- Körperscan beim Zähneputzen. Wahrnehmen, was gut ist.
- Mini-Dankbarkeit. Drei kleine Dinge.
- Kurzspaziergang. 5–10 Minuten. Blätter zählen, Hunde grüßen.
- Sicherer Kontakt. Kurze Nachricht an eine liebe Person.
- Duftanker. Zitrus für Energie, Lavendel für Ruhe.
- Mini-Aufräumrunde. Drei Minuten Tisch frei machen.
- Kalender mit Pausen. 10 Minuten Puffer pro Block.
- Taschen-Beruhigungs-Kit. Lippenbalsam, Stein, Notiz: „Du schaffst das.“
- Name für den Tag. „Sanfter Mittwoch“, „Ruhiger Freitag“. Stimmung setzt Ton.
So nutzt du die Liste
- Starte mit drei neuen Gewohnheiten: Suche dir etwas aus für den Körper, deinen Atem und den Geist.
- Führe jede Übung unter zwei Minuten aus.
- Feiere das Tun, nicht das Perfekte. Sag danach zu dir: Ich hab’s gemacht.
Wenn die Angst trotzdem kommt (weil das Leben so ist)
Manchmal sagt mein Körper einfach Nein. Dann greife ich zu meinem kleinen Notfall-Skript:
- Laut aussprechen: „Mein Körper denkt, ich bin in Gefahr, aber ich bin sicher in meiner Wohnung.“
- Atmen & orientieren: Ein 4 / aus 6, fünf Dinge benennen, Hand aufs Herz legen.
- Schritt verkleinern: Wenn ich 10 Minuten gehen wollte, werden’s 2 am Fenster. Das gilt trotzdem.
Schaffe dir eine wohltuende Umgebung

Ein paar kleine Veränderungen können aus einem Morgen mit Angst einen Wohlfühort machen, auf den du dich freust.
- Ein hübsch angerichtetes Tablett: Teekanne, Lieblingsbecher, Kerze – meine Ruhe-Ecke auf einem Tablett im Blickfeld, wenn ich morgens aufwache.
- Das Beruhigungs-Kit für unterwegs: ein Lippenbalsam in meiner Lieblingsgeschmacksrichtung, ein Stein oder eine Kastanie als Handschmeichler, Minzkaugummis, eine liebe Notiz. Das passt in jede Tasche.
- Die Kleidung: Weiche Stoffe, die nicht einengen – Komfort ist kein Luxus, sondern Sicherheit.
Den Fortschritt messen (Spoiler: nicht mit Perfektion)
Lange Zeit habe ich mich so bewertet: Habe ich die Routine perfekt hinbekommen? Wenn dem nicht so war, fühlte sich das wie versagen an. Heute messe ich anders: Beweis statt Perfektion.
Jede kleine Handlung ist ein Beweis dafür, dass ich mich um mich kümmern kann, auch wenn ich Angst habe.
In meiner Notiz-App führe ich deshalb ein kleines „Beweis-Tagebuch“, indem ich mir notiere, was gut gelaufen ist und worauf ich stolz bin.
Häufige Fragen (FAQ) rund um die Morgenroutine
„Ist das nicht einfach Achtsamkeit?“
Irgendwie schon. Aber es ist angewandte Achtsamkeit für ängstliche Morgen . Es sind einfache, wiederholbare Schritte, die zuerst den Körper regulieren, bevor der Kopf mit den Gefühlen verhandelt.
„Wie lange dauert es, bis es wirkt?“
An guten Tagen wirkt es sofort. An schwierigen Tagen summiert sich der Effekt.
Ich stelle es mir vor wie das Einbrennen einer Gusseisenpfanne: mit jedem Durchgang wird die Oberfläche besser.
„Muss ich alles machen?“
Nein. Starte mit drei Gewohnheiten und tausche sie auch gerne aus:
– eine für den Körper (z. B. Dehnen),
– eine für den Atem (z.B. die 4–6-Atmung),
– eine für den Geist (z.B. Drei-Zeilen-Tagebuch).
Bist du bereit (heute, nicht „eines Tages“) zu Starten?
Ich wünschte, mir hätte früher jemand gesagt: Ruhe ist kein Preis, den man gewinnt. Sie ist ein Muster, das man übt.
Vor allem in den kleinen, unspektakulären Momenten.
Wenn sich dein Morgen anfühlt wie ein überfüllter Flur, probier eine dieser Gewohnheiten und sag dir laut: Ich hab’s gemacht. Dein Nervensystem hört dir zu.
Noch ein kleiner Hinweis aus meiner gemütlichen Faultier-Welt in deine: Du musst nicht furchtlos sein, um einen guten Morgen zu haben. Du musst nur gut zu dir sein und anfangen.
(Freundliche Erinnerung: Diese Ideen sind unterstützend, keine medizinische Beratung.
Wenn Angst dich überwältigt oder deinen Alltag stark beeinflusst, kann die Kombination aus kleinen Gewohnheiten und professioneller Hilfe kraftvoll und liebevoll zugleich sein.
Du machst das großartig – einen sanften Morgen nach dem anderen.) 🌿






